Addicting ❤ Scent

Prolog

"Wörtliche Rede" / gesprochene Gedanken

Zwei Wochen zuvor. Im Festgarten des Greenwater Inn, am Ufer des Lake Willoughby.

„Du siehst umwerfend aus.“
Das halblaute Kompliment jagte der jungen Frau beim Pavillon am Ufer des Stausees eine schiere Gänsehaut über den Körper. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Freund etwas Nettes zu ihr sagen würde, nicht nachdem sie fast dreißig Minuten zu spät gekommen war. Und noch etwas Ungewöhnliches passierte ihr.
Ein Kuss. Langsam und innig und obendrein noch in aller Öffentlichkeit.
Ihr Herz raste wie am ersten Tag, als der schlanke Mann sie dichter an sich zog und jedem Anwesenden dadurch vermittelte, wie sehr er diese Frau liebte. Das hatte er nie zuvor getan und sie war ob seiner untypischen Handlung völlig verwirrt, aber absolut hingerissen. Sie hatte sich diese Offenheit in ihrer Beziehung schon lange gewünscht, aber Shane bestand von jeher darauf Privates hinter verschlossenen Türen zu halten, weshalb viele annehmen mochten, dass ihr öffentlicher Umgang miteinander kühl und distanziert zu sein schien. Und das stimmte. Sie waren nie händchenhaltend durch den Park geschlendert, hatten fast keine romantischen Dates und wenn doch, dann wirkten sie eher wie Geschäftstreffen auf welchen ihr Alltag besprochen wurde, die gemeinsame Zukunft, oder der Job. Vor allem der Job.
„Es gibt etwas zu feiern, Renai.“ Er hauchte die Worte an ihre Lippen und küsste sie nochmals, ehe er etwas Abstand zwischen ihre Münder brachte und sie aus zufriedenen Augen ansehen konnte. Die kleine Frau sah verwundert auf, in sein entspanntes Gesicht, woraufhin er lächelte und ihr tatsächlich eine Strähne ihres dunkelbraunen Haares hinters Ohr strich. Eine zarte Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab, sie konnte gar nichts dagegen tun. Er war heute so ganz anders als sonst und das gefiel ihr ungemein.
„Die Kanzlei in Benton, erinnerst du dich?“
Renai nickte. „Natürlich. Haben sie endlich geantwortet?“
Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatten sie es. „Sie haben mir ein großzügiges Angebot gemacht.“, grinste er. „Und ich hab angenommen. Ich kann sofort dort anfangen.“
Er hatte was? Ohne sie vorher gefragt zu haben? „Shane, das ist ja... wunderbar.“, sagte sie und erwiderte sein erfreutes Lachen verhaltener als beabsichtigt. „Ich habe nicht erwartet, dass sie sich so schnell entscheiden.“
„Ich bin gut und das wissen sie. Solch eine profitable Chance können sie sich nicht durch die Finger gehen lassen, dazu hat der Name Monroe unter den Juristen zu viel Gewicht. Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie mich nehmen werden, nur der Preis war Verhandlungssache. Aber...“ Shane rückte etwas ab. „Du scheinst dich nicht sonderlich für mich zu freuen.“
„Doch das tue ich.“, antwortete Renai. Betreten sah sie zur Seite. „Das geht alles nur so wahnsinnig schnell.“
„Je schneller desto besser, so war's doch, oder nicht?“ Er legte die Stirn in Falten und schien verärgert über ihre Reaktion.
„Ja, aber...“
„Aber was?“, fuhr er ihr giftig über den Mund. „Hatten wir das Thema nicht bereits abgehakt? Benton ist immer noch nah genug. Das ist keine Weltreise.“
Sie nickte, weil sie wusste, dass sie schon mal über diesen Punkt diskutiert hatten, doch das hieß nicht, dass Renai mit dem Thema durch war. Sie wollte nicht wieder wegziehen. Greenwater war ihre Heimat, hier lebte ihre Familie, sie arbeitete hier und war erst vor einem Jahr auf dem Harlow County Sheriff's Departement angefangen. Eigentlich hoffte sie, dass Shane hatte hierbleiben wollen, bei ihr, bei ihren Wurzeln. „Benton ist nicht eben um die Ecke.“, widersprach sie ihm vorsichtig. „Die Fahrt ins Bostwick County dauert drei Stunden.“
Er lachte verständnislos auf. „Und genau deshalb werden wir dort hinziehen, Renai. Ich dachte, das sei klar?“
Er wollte dort hinziehen? „Seit wann steht das zur Debatte?“ Sie war schockiert. „Darüber hast du nie ein Wort gesagt! I-ich meine, ich kann nicht einfach hier wegziehen. Was ist mit meinem Job?“
„Was soll mit dem sein? Polizeireviere gibt es wie Sand am Meer. Du findest in Benton zu einhundert-prozentiger Sicherheit wieder Arbeit. Also hör auf dich wie ein kleines Mädchen zu benehmen, dass sich am Rockzipfel ihrer Mutter festklammert.“ Er packte sie grob am Arm und starrte ihr drohend in die Augen. „Komm mit mir mit oder lass es bleiben, Renai. Aber sei dir im Klaren darüber, dass ich nicht sonderlich an dir hängen werde, wenn du dich weiterhin quer stellst.“
Sie nickte abermals und presste niedergeschlagen die Lippen aufeinander, ehe sie den Kopf senkte und er sie wieder los ließ, bevor neugierige Blicke auf ihre kleine unangenehme Diskussion schwenken konnten. Sie waren immerhin nicht alleine hier.
Renai war zu Melissas Abschiedsparty eingeladen worden, einer Arbeitskollegin auf dem Revier, die nicht nur bald heiratete sondern auch ihr erstes Kind erwartete. Sie hatte fast das komplette Kollegium in die festliche Gartenanlage des Greenwater Inn's eingeladen, dem einzigen namhaften Hotel der Gegend. Die Party war schön, mit gelassenen und gut gelaunten Gästen und einem traumhaft opulenten Buffet, welches auf der Terrasse des riesigen Gebäudes aufgebaut war. Genau dorthin schien es Shane zu ziehen.
„Ich hol mir was zu Trinken.“, zischte er und warf einen kurzen Blick über Renais Arbeitskollegen, die sich tratschend zu kleinen Grüppchen zusammengefunden hatten und ihm sichtlich auf die Nerven gingen. „Und dann verschwinden wir von hier.“
„Aber ich bin doch gerade erst gekommen?“
„Das ist dein Pech, Renai. Ich war pünktlich und musste mich die ganze Zeit mit deinen trotteligen Kollegen herumplagen. Du hast meine Gutmütigkeit lange genug strapaziert, meinst du nicht auch?“
Abermals ein Nicken, diesmal entschuldigender. Sie hatte ihm zu gehorchen, ob sie nun wollte oder nicht, es war die einzige Möglichkeit weiterhin ruhig mit Shane reden zu können, ohne dass er sofort dicht machte und ihr gar nicht mehr zuhörte. „Ich gehe kurz auf die Toilette und dann esse ich noch eine Kleinigkeit. Danach können wir gehen.“
Er schnaubte zustimmend und kehrte ihr dann den Rücken, um sich auf den Weg zur Terrasse zu machen. Renai folgte unauffällig mit etwas Abstand und gesenktem Kopf. Sie fühlte sich elend und den Tränen nahe, dabei hatte sie gehofft, dass sie beide diesen Abend endlich mal genießen konnten, zusammen als Paar, aber wiedereinmal machte sie sich selbst einen Strich durch die Rechnung. Wie immer, wenn sie mit Shane stritt. Und wie immer wusste sie, dass ihr Gespräch noch nicht zu Ende war, nur pausiert. Zu Hause würde er die Diskussion wieder aufnehmen und gewinnen. Spätestens dann, wenn sie ins Bett gingen.
Davor graute ihr schon.
Renai quetsche sich ungesehen an der Menschenmasse vorbei, die sich um Melissa und ihren Verlobten versammelt hatte, ihnen gratulierte und Präsente überreichte. Renai hatte ihre kleine Aufmerksamkeit für Melissa nach der Ankunft einfach auf den Tisch mit den Blumengestecken und Sträußen gestellt. Das Buch war ohnehin nicht der Rede wert und Renai wollte sich jetzt zwischen der angeheiterten Gesellschaft auch nicht in den Vordergrund drängen. Sie setzte ihren Weg ins Innere des Gebäudes ungehindert fort und bog nach dem großen Ballsaal und der Gaststube in einen kleinen Flur ab, um die Damentoilette zu erreichen. Überraschenderweise versperrte ihr ein Mann die Sicht auf die Tür, so als wartete er auf jemanden.
„Darf ich mal vorbei?“, fragte Renai kaum hörbar hinter ihm, da er mit der Schulter an der Wand lehnte und ihr den breiten Rücken zukehrte. „Natürlich.“, murmelte der riesige Kerl und machte ihr ohne Umschweife Platz, wobei er dank der tiefhängenden Deckenlampen den Kopf etwas einziehen musste, als er zur Seite trat. Beide Parteien warfen sich einen kurzen Blick zu, doch Renai unterband den Augenkontakt so gut es ging, denn sie hatte ihren Kollegen viel zu spät erkannt und nun vor Schreck die Luft angehalten, während sie an ihm vorbei in den Raum der Damentoiletten huschte. Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, erlaubte sie sich wieder zu entspannen.
Der große Mann, der nicht auf den Namen Goliath sondern Michael hörte, war ein Deputy des Departements und obwohl Renai ab und zu mit ihm zu tun hatte, war sie immer noch genauso nervös in seinem Beisein, wie am allerersten Tag auf dem Revier, als er ihr vorstellt wurde. Sie fühlte sich von ihm eingeschüchtert, was zu großem Teil auch an seiner beängstigenden Körpergröße lag. Im Vergleich zu ihr, war er ein Koloss und mehr als zwei Köpfe größer als sie. Renai war es gewohnt stets die Kleinste gewesen zu sein, egal ob im Kindergarten, der Schule oder auf der Polizeiakademie, aber dieser Kerl verhöhnte sie mit seiner riesenhaften Erscheinung noch zusätzlich. Fast unnötig zu erwähnen, dass sie ihn nicht sonderlich mochte, allem voran auf Grund des mulmigen Gefühls, welches sie in seiner Nähe hatte, andererseits, weil er trotz seiner attraktiven Ausstrahlung ein echtes Ekel sein konnte. Das war ihr während der letzten Monate immer häufiger zu Ohren gekommen. Natürlich wurde sie nie selbst von ihm zurechtgewiesen, doch vom ganzen Hörensagen hatte Renai bereits genug Erfahrungen gesammelt um zu wissen, dass man diesen Mann auf keinen Fall unnötig reizen sollte.
Renai konzentrierte sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe – kurz frisch machen, einen Happen essen und dann überlegen, wie sie ihren Freund dazu überreden konnte, doch in Greenwater zu bleiben. Ihr zuliebe. Denn sie wollte auf keinen Fall wieder weg von ihrer Familie. Sie hatte wirklich gehofft, dass er bei ihr bleiben wollte, sogar dafür gebetet. Seit einem Monat versuchte sie ihm unterschwellig zu suggerieren, dass sie Greenwater nicht verlassen, aber auch nicht ohne ihn leben wollte. Zum ersten Mal stellte sie ihn damit indirekt vor eine Entscheidung. Sie oder sein Job. Nach so langer Zeit mit ihm hätte sie es jedoch besser wissen müssen. Mit einem Mann wie Shane spielte man nicht, besonders nicht, wenn man so viel zu verlieren hatte wie Renai.
Mit traurigen Augen musterte sie das Spiegelbild vor sich und kontrollierte gleichzeitig ihren Mascara und Lidstrich, welche bei den aufkommenden Tränen zu verlaufen drohten. Renai blinzelte ein paar Mal, doch das half nichts. Sie schluchzte und hielt sich die Hand vor den Mund, um leise zu sein, ehe sie vollends in Tränen ausbrach und sich von diesem enttäuschendem Abend und Shanes Worten fertig machen ließ.
Sie liebte ihn über alles und hatte sich jedes mal aufs Neue für ihn verbogen, um es ihm recht zu machen, aber dieses Mal ging es nicht. Weil sie nicht wollte. Sie wollte nicht schon wieder nach Strohhalmen greifen und sich noch unglücklicher machen, als sie es ohnehin schon wegen seiner Launen war. Dieses eine Mal musste er für sie da sein. Mehr verlangte sie gar nicht.
Renais Heulkrampf dauerte ein paar Minuten und weitere zwei bis sie mit dem neuen Auftragen ihres Make-ups fertig war. Als sie die Damentoilette verließ, sah sie aus, als wäre nie etwas gewesen. Nun ja, fast.
„Ist alles Ordnung?“ Die tiefe, raue Stimme ihres Kollegen ertönte so dicht neben ihr, dass Renai wie ein verschrecktes Rehkitz zusammenfuhr und die sofortige Flucht ergreifen wollte, als sie zu ihm auf sah und seine finstere Mine erblickte. Sie bekam vor Angst und Scham kein Ton heraus. Er hatte sie also weinen gehört. Gott, das war ihr so unsagbar peinlich. Statt ihm zu antworten konnte Renai nur nicken und seinen bohrenden Blick meiden. „Renai, richtig?“, fragte er vorsichtig, versucht sie in ein Gespräch zu verwickeln, doch das war wirklich das Letzte was die kleine niedergeschlagene und peinlich berührte Dame vor ihm wollte. Dass er nach ihrem Namen fragen musste, verärgerte sie zusätzlich. Was für ein Arschloch, dachte sie. Kennt nicht einmal meinen Namen, obwohl ich seit einem Jahr auf dem Revier arbeite und ihm täglich über den Weg laufe.
„Hast du da drinnen vielleicht eine Frau gesehen?“ Er deutete auf die Tür neben sich, aus der Renai eben getreten war. „Blondes, langes Haar, schwarzes Cocktail Kleid, rote Highheels? Ich befürchte nämlich, dass meine Begleitung Reißaus genommen hat.“
Renais kräuselte die Stirn und sah ihn abschätzig an. War das sein verfluchter Ernst? Steht erst wie ein Wachhund vor der Damentoilette, hört seine Kollegin heulen und fragt mich anschließend, ob seine dämliche Begleitung getürmt ist? „Woher soll ich das wissen?“, gab Renai entnervt zurück und schüttelte ob seiner taktlosen Frage den Kopf. Nicht, dass sie Mitleid von ihm erwartete, aber dieses unhöfliche Desinteresse seinerseits regte sie tatsächlich auf. „Ich war da drin zu sehr mit Heulen beschäftigt, tut mir leid. Aber danke der Nachfrage.“
Angefressen wandte Renai sich von dem verwirrt dreinblickend Mann ab und stampfte zurück zur feiernden Gesellschaft. So ein Blödmann, meckerte sie innerlich weiter, während sie sich an zwei beschwipsten Damen vorbei schlängelte und sich am Buffet zu schaffen machte. Sie hatte zwar keinen Hunger mehr, wollte ihr aufgewühltes Gemüt aber mit etwas Leckerem besänftigen. Melissa leistete ihr Gesellschaft.
„Hi, Renai!“, lächelte sie erfreut, als sie die junge Frau neben sich erkannte. „Ich hab dich schon vermisst.“
Das freute sie zu hören. Renai hatte nicht sonderlich viele Ansprechpartner auf dem Revier, aber Melissa war immer jemand gewesen, auf den die junge Polizistin zurückgekommen war, wenn sie mal nicht weiter gewusst hatte. Leider würde ihr dieses freundschaftliche Verhältnis am Arbeitsplatz sehr bald genommen werden. „Hallo, Melissa.“, entgegnete Renai nicht weniger herzlich. „Tut mir leid, ich musste noch Überstunden schieben, ich hab es leider nicht zur Eröffnungsrede geschafft.“
Die hochschwangere Dame lachte. „Du hast nichts verpasst. Solche Ansprachen sind doch eh immer dasselbe. Staubig und unpersönlich. Das gemeinsame Zusammensein hinterher finde ich viel angenehmer.“ Das konnte Renai nur bestätigen. „Sag mal, wo ist Devin überhaupt? Ich dachte, ihr beide wolltet gemeinsam hier her kommen?“
„Schon, aber er übernimmt meine Schicht.“, entschuldigte Renai stellvertretend. „Sonst hätte ich vermutlich nicht kommen können.“
Melissa legte schmunzelnd den Kopf schief. „Das ist wirklich nett von ihm. Schade, dass ihr es nicht beide geschafft habt.“
„Wir haben eine Münze geworfen.“, witzelte Renai und brachte ihr Gegenüber wieder zum Lachen. „Und wie man sieht habe ich gewonnen.“ Selbstverständlich meinte sie das nicht ernst, ihr abwesender Kollege hatte regelrecht drauf bestanden, dass sie zur Abschiedsparty gehen sollte. Scheinbar wusste er, wie sehr Renai an Melissa zu hängen schien, wenn es ihr auch nur darum ging den Alltag auf dem Revier durch Melissas Gesellschaft unbeschadet zu überstehen, denn als Frau und Polizistin hatte man es in dieser vorherrschenden Männerwelt nicht immer leicht. Von blöden Sprüchen, anzüglichen oder abschätzigen Blicken, bis hin zur sexistischen Vorurteilen war alles mit dabei gewesen. Gott sei Dank gab es neben den ganzen Vollidioten auch normale Menschen im Kollegium, wie ihr Partner Devin Gintz oder Melissa. Sie und Renai unterhielten sich noch eine ganze Weile, vor allem über Melissas Zukunftspläne, ihre bevorstehende Ehe und das Baby. Renai freute sich für sie, auch wenn ihre Gedanken immer wieder zu Shane abdrifteten, den sie in der Menschenmenge bisher noch nicht hatte ausmachen können. Sie fürchtete fast er hätte ohne weiteres die Party verlassen, doch dann entdeckte sie ihn weiter unten auf der Wiese, erneut beim Pavillon am Ufer des Sees. Und er war nicht allein.
Renai entschuldigte sich bei Melissa und schickte sich an sofort zu ihrem Freund hinüberzugehen. Sie war nicht wirklich eifersüchtig, obwohl er mit einer fremden Frau redete, doch die Tatsache, dass er unter den Gästen eine angenehmere Gesellschaft als sie gefunden hatte, trotz seines Gemeckers über die feiernden Menge, lies sie vor Sorge fast umkommen. Renai war stets bemüht Shane zu gefallen, ihm zu genügen besser gesagt, aber manchmal, genau an solchen Tagen wie heute, wurde ihr sehr bewusst, wie gelangweilt er eigentlich wirklich von ihr war.
Die fremde Blondine, mit dem langen Haar und noch längeren Beinen brachte ihren Freund scheinbar mit Leichtigkeit zum Lachen, etwas das Renai wahnsinnig schwer fiel, denn Shane besaß einen komplizierten Sinn für Humor, der über das Verständnis seiner Freundin hinaus zu gehen schien. Oder er fand Renais Gesprächsthemen einfach nur dröge und eintönig, das konnte natürlich auch der Fall sein. Sich nun ansehen zu müssen, wie eine dahergelaufener Party-Biene ihn bespaßte und vermutlich auch umgarnte, bescherte Renai ein ungutes Gefühl in der Magengegend, obwohl sie gerade erst etwas gegessen hatte, um genau dieses Gefühl loszuwerden. Der demütigende Anblick dieses Rasseweibs vor ihr, die es tatsächlich wagte Shane mit einer flirtenden Geste zu berühren, demütigte sie so sehr, dass sie fast wieder in Tränen ausgebrochen wäre. Doch sie riss sich am Riemen. Dieses Mal wollte sie ihren Mann stehen und die Damenwelt wissen lassen, dass dieser Herr zu ihr gehörte, auch wenn es überhaupt nicht ihre Art war. Renai schnappte sich von einem vorbeilaufenden Keller zwei Gläser Champagner und wollte mit einem lockereren „Hi.“ das Gespräch der beiden Personen höflich unterbrechen, jedoch machte ihr die Blondine einen Strich durch die Rechnung.
„Ah, vielen Dank.“, sagte sie erfreut zu Renai, als habe sie bereits eine Ewigkeit auf sie gewartet. „Sie kommen genau im richtigen Moment.“ Die hübsche Frau nahm ihr die beiden Gläser ab und reichte eines davon Shane, der es ohne ein Wort entgegen nahm und Renai überhaupt nicht beachtete. Sie stießen an. „Ein Hoch, dass ich Sie heute getroffen habe.“, sagte sie und lächelte ihr Gegenüber verführerisch an.
Renai war wie versteinert. Schlimmer noch, sie brachte nicht einmal einen Ton heraus. Shane störte das nicht, er intervenierte nicht, sah sie nicht an oder stellte sie überhaupt als seine Begleitung vor. Renai war Luft für ihn.
Es kostete sie sämtliche Körperbeherrschung, der fortgesetzten Unterhaltung nicht zu lauschen und einfach weg zu gehen, denn wenn sie blieb, hätte es nur eine peinliche Diskussion im Beisein der fremden Dame gegeben und das wollte Renai weder sich noch Shane antun. Stattdessen ergriff die junge Polizistin die Flucht. Sie unterdrückte ein Schluchzen, dass zu ihrem Glück niemand hörte, weil die Musik zu laut war, diese jedoch nicht davor schützte, gegen eine ihr entgegenkommende Person zu stolpern. Der Zusammenstoß ließ Renai wanken, doch zwei Hände hielten sie an den Armen gepackt fest, bevor sie ihr Gleichgewicht verlieren konnte. „E-es tut mir leid.“, stammelte sie zittrig, ohne zu sehen, wen sie angerempelt hatte, denn sie wollte einfach nur noch weg von hier, weg von Shane, dieser Party und diesem furchtbaren Abend.
Der Mann schien sich für ihre schlechte Verfassung, die nun mehr als offensichtlich war, nicht sonderlich zu interessieren, denn er schubste Renai leicht zur Seite und setzte seinen Weg wortlos fort. Renai konnte kaum glauben, wie gemein alle Welt sie heute zu behandeln schien, deshalb hob sie ihren Kopf und sah mit Tränen in den Augen über die Schulter, um dem Mann einen giftigen Blick hinterher zu werfen. Doch ihr vor Empörung und Wut schwelender Ausdruck wich sofort und wurde ersetzt durch einen stechenden Schauer der Angst, der Renai kalt den Rücken runter lief.
Der angerempelte Mann war der Kerl, den sie vor der Damentoilette blöd angemacht hatte, dieser unfreundliche Riese von Arschloch-Kollege, der seine Begleitung vermisste. Renai hatte sie gefunden. Er nun auch.
„Kristen!“, brüllte er den Namen der Frau in Richtung des Pavillons unter welchem Shane und die Blondine standen. Beide schienen recht unbeeindruckt von der mächtigen und sehr zornigen Gestalt, die auf sie beide zu stampfte. Renai hingegen war besorgter denn je. Deputy Haige hatte ihr ja von Anfang an Respekt eingeflößt, aber zu sehen, wie drohend er sich zwischen Shane und diese Kristen drängte, ließ bei ihr sämtliche Alarmglocken schrillen. Dieser Mann roch nach Ärger und Shane war darauf und dran diesen aus erster Hand zu spüren zu bekommen.
Renai rannte zurück zum Pavillion, entgegen ihrer Angst und Vernunft, doch sie wollte Shane auf keinen Fall hilflos ausliefern, auch wenn er noch sauer auf sie war. „Was ist hier los?“, mischte sie sich in die hitzige, aber Gott sei Dank nur verbale Auseinandersetzung ein. Besorgt kam sie neben Shane zum Stehen, der aus gleichgültiger Mine, seinen Gegner musterte. Dieser tat es ihm gleich, ohne seinen glühenden Hass jedoch verbergen zu können. Kristen stand verärgert hinter ihm. „Ich habe nichts getan, Michael.“, sagte sie und zwängte sich an ihm vorbei, um ihn zur Seite zu ziehen. „Hör auf dich wie ein verdammter Neandertaler zu benehmen!“
Die Blondine und ihre Begleitung brachten Abstand zwischen sich und Shane, was Renai genug Zeit und Privatsphäre gab, um ihn zum Gehen zu animieren. „Wir sollten jetzt verschwinden, Shane.“, bat sie und griff nach seiner Hand, doch er wich der Berührung aus. Seine Augen fixierten die abseits stehende Blondine und den großen, immer wütender werdenden Mann. Ein neugieriges Funkeln lag darin. „Nicht doch.“, sagte er fast flüsternd. „Es wird gerade interessant.“
Renai verstand nicht was er meinte, doch sie vermutete, dass es mit dem heftigen Streit zu tun hatte, den sich mittlerweile auch der Rest der Gäste aus sicherer Entfernung ansah. Er hatte doch nicht etwa Spaß hieran... oder? Verständnislos sah Renai in sein Gesicht und konnte ob seines kleinen Schmunzelns nur entsetzt den Kopf schütteln. „Hast du das etwa mit Absicht gemacht?“, fragte sie, woraufhin er nur kurz zu ihr sah, so als würde ihn ihr Gerede stören. „Du hast bewusst mit ihr geflirtet, oder? Warum machst du das vor mir? Was soll das?“
„Könntest du vielleicht mal den Mund halten, Renai?“, fuhr er sie an und entzog sich ihrer Nähe indem er einen Schritt zur Seite machte. „Rede nicht von Dingen, die du nicht verstehst.“
„Aber..?“
„Widersprich mir nicht immer!“ Shane stierte sie wütend an. „Du nervst schon den ganzen Abend und ich habe das Maß endgültig voll von dir und deiner weinerlichen Attitüde! Lass mich einfach in Ruhe und geh, wenn es dir nicht in den Kram passt.“ Er zeigte auf das Gebäude bei der Terrasse. „Geh!“, wiederholte er noch lauter. „Und wage es nicht mir wieder unter die Augen zu treten!“
Renai hatte die Hände vor den Mund genommen und war in eine Art Schockstarre gefallen. Sie konnte sich nicht rühren, nur Shanes stechenden Blick erwidern, der dadurch nur noch verärgerter wirkte. Was war den plötzlich in ihn gefahren? Wie konnte dieser Abend nur so dermaßen aus dem Ruder laufen, dass Renai plötzlich ernsthaft um ihre Beziehung fürchtete? „I-ich... ich warte zu Hause.“, sagte mit belegter Stimme und zittrigem Körper, als sie ihre Stimme für einen kurzen Moment wiederfand, doch ihr Freund erstickte den kläglichen Versuch auf spätere Versöhnung sofort.
„Mach was du willst, es interessiert mich nicht. Ich hab genug von dir.“
Jede andere Frau hätte vermutlich protestiert, ihn angeschrien oder sogar angebettelt, dass er mit ihr mitkommen sollte, doch Renai wusste wie sinnlos dieser Kampf war. Er wollte nicht und sie konnte ihn nicht zwingen. Sie hatte keine Ahnung, was diese Kristen mit ihm gemacht hatte, dass er so reagierte und Renai abwies, aber dass etwas zwischen den beiden sympathisierenden Fremden passiert war stand außer Frage.
Kristen bestätigte Renais Befürchtung zusätzlich, als sie zu Shane und ihr zurückkehrte und ihn vor aller Augen an die Hand nahm. „Wir können gehen.“, schnaubte sie und warf einen schnellen Blick zurück zu ihrer eigentlichen Begleitung. „Jetzt sofort.“, drängte sie und Shane nickte. „Soll mir recht sein.“
Ohne Renai zu beachten gingen die beiden an ihr vorbei. Shane wandte sich nicht noch einmal um, er ignorierte seine zutiefst gekränkte Freundin einfach und das brach Renai das Herz. Sie fing an zu weinen, doch das brachte ihr Shane nicht zurück. Er verschwand zusammen mit Kristen in dem Gebäude. Stattdessen eilte Melissa zu Renai, in Begleitung ihres Verlobten, um die traurige Frau in ihre Arme zu schließen. Sie sagte nichts, sondern versuchte nur etwas Trost zu spenden. Ihr Zukünftiger riet den beiden ebenfalls rein zu gehen, damit Renai sich dort in Ruhe beruhigen konnte, ohne die neugierigen Blicke der anderen, doch sie lehnte dankend ab. Alles was sie jetzt noch wollte war nach Hause zu fahren.
„Es tut mir leid dir die Party versaut zu haben.“, schluchzte sie und drückte Melissas Hand mit einem gequälten Lächeln. „Ich hätte nicht kommen sollen. Bitte verzeih das ganze Chaos, das war nicht meine Absicht.“
„Aber dich trifft doch gar keine Schuld, Renai.“, beschwichtigte Melissa traurig. „Mach dich dafür nicht verantwortlich, ich bitte dich...“
Renai wollte gerade etwas erwidern, als sie neben sich jemanden angewidert auflachen hörte.
„Keine Schuld? Wieso hat die bitte keine Schuld?“
Die drei Personen drehten ihren Kopf zur Seite und entdeckten den aufgebrachten Deputy, der schnurstracks wieder aufs Pavillon zusteuerte. „Ich kann's nicht fassen, dass du ihn hast gehen lassen! Dir scheint es offensichtlich egal zu sein, ob er mit meiner Freundin abhaut!“ Seine zornigen Worte waren direkt an Renai gerichtet und so wie er vor ihr zum Stehen kam, beschenkte er die kleine Frau mit weiteren Schuldzusprüchen. Sie war fassungslos, dass er sie ganz allein dafür verantwortlich sprach, dabei war er genauso schockiert und handlungsunfähig zurückgeblieben wie sie. Und exakt dies hielt sie ihm vor die Nase. Er war kein Deut besser, wobei sie nicht nachvollziehen konnte, warum er sie unverdienterweise anging. Shane und Kristen waren das Problem, nicht Renai, aber das wollte er nicht hören, geschweige denn akzeptieren. Renai redete sich den Mund fusselig und versuchte sich selbst zu verteidigen, naja so gut es ihr eben möglich war, aber dieser Kerl war eine verdammte Ein-Mann-Armee und zu ihrem Leidwesen musste sie feststellen, dass er sich weder beruhigen konnte, noch besänftigen lassen wollte. Er war wild entschlossen sich mit Renai anzulegen.
„Du hast die ganze Zeit dabei gestanden und nur zugesehen! Du hast alles schweigend mit angesehen! Und statt irgendwas zu unternehmen rennst du einfach weg?! Wie erbärmlich bist du eigentlich?“
„Michael, das ist nicht fair.“, mischte sich Melissa ein, doch ein Blick von ihm genügte, damit sie verstand, dass sie in dieser Angelegenheit nichts beizusteuern hatte.
„Fair?“, zischte er belustigt und sah zurück zu Renai, die immer noch weinte, ihm aber nichts mehr erwidern konnte, da es ohnehin keinen Sinn hatte. „Es wäre fair, wenn sie wenigstens mal versucht hätte ihren beschissenen Freund aufzuhalten, aber sie kann nichts weiter als rumzuheulen. Seht sie euch doch an!“ Sein angewiderter Blick wanderte über Renais gedungene Erscheinung. „Bei deinen extremen Unzulänglichkeiten ist es auch kein Wunder, dass sich dieses miese Stück Scheiße anderswo umschaut! Du taugst ja offensichtlich zu nichts!“
„Es reicht jetzt!“, mischte sich Melissas Verlobter ein. „Sie gehen. Sofort.“
„Keine Sorge.“, giftete der große Mann zurück. „Ich bin hier fertig. Aber wir beide...“ Er deutete auf Renai, die seine Drohung ängstlich über sich ergehen lassen musste. „Wir sprechen uns noch.“

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